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strandgut oder: die
legendäre letzte zigarette
[...] Seitdem bin ich nur einmal wieder nach Plougastel gefahren, letzten Sommer, delete and rewind, aber manches läßt sich nicht rückgängig machen, nimmt seinen Lauf, auch wenn diese winzigen Veränderungen zunächst verborgen bleiben. Meine Großmutter jedenfalls begrüßte mich wie immer, mit selbstgekochter Fischsuppe, unserem traditionellen Familienfestessen. Alle Bretonen seien verrückt nach Meeresfrüchten, behauptet mein Großvater. Das sei genetisch in ihnen drin, durch die Nähe zum Meer und so. Schon jemand, der Fischstäbchen konsumiert, ist für ihn ein Gegner der Bretonischen Sache und Anhänger Frankreichs, kurz: das Letzte, ein Sell-Out und opportunistisches Weichei, post-Nirvana Grunge und deshalb böse, eigentlich böser als Europop, denn der tut wenigstens nicht so, als wäre er noch irgendwie alternativ. Und so etwas will sich natürlich niemand sagen lassen, von uns, den Nachfahren von Asterix und Obelix, Ehrensache, und so verputzen wir alle brav und fleissig unseren Fisch, die Seezunge mit Honigwein, schlürfen Austern und Venusmuscheln oder reißen Seespinnen die Beine ab und verspeisen sie mit Mayonnaise. Als Vegetarierin widert mich der Fischgeruch an, doch davon versuche ich stets, mir nichts anmerken zu lassen. Ich habe mich immer dagegen gewehrt, von meinen Verwandten als Deutsche oder auch nur als Halbdeutsche gesehen zu werden und übe mich deshalb bei jedem Besuch in frankophiler Mimikry, kleide mich ein mit bretonischer Identität, trage sie nach außen wie einen Anzug ohne Hose und stopfe noch mehr Identitätsstücke in mich hinein, darauf hoffend, daß ich sie endlich verdauen und sie mich verwandeln mögen. Als ob es mir gelänge, durch die Aufnahme des Fremden ihm selbst ähnlicher zu werden.

Ich aß also die Fischsuppe und schlief sehr unruhig.


Halbtot, mit zusammengebundenen Scheren, liege ich neben anderen Dahinvegetierenden in einer Kiste, atme flach und sehe nichts außer dem bläulich-braunen Panzer, der mein rohes Fleisch schützt. Meine Lippen sind steif, die Mundöffnung ist kleiner, als ich es gewohnt bin. Es dauert eine ganze Weile, bis ich begreife, daß ich kein Mensch mehr bin, sondern so aussehe wie das Wesen neben mir, an meiner rechten Seite, das ich nicht sehen, nur spüren, kann. Dies ist ein Traum, denke ich, wiederhole: Dies ist ein Traum, spüre die Feuchtigkeit auf meinem Panzer, die Erschütterungen der Kiste, rieche mein eigenes zartes Fleisch, fühle die Schwere meiner Glieder, die gefesselten Scheren. Ich atme schneller. Die Muster auf meiner Schale werden zu Spiralen, einer Strudelbewegung, der nachzugeben ich mir nicht erlauben darf. Zu tief hinab würde sie führen, diese Dunkelheit. Dies ist kein Traum. Ich spüre, daß mich jemand anfaßt, meinen Leib in seine Hand nimmt und mich aufhebt. Scharfe, lange Fingernägel durchbohren meinen Panzer, graben sich in mein Fleisch ein. Man renkt mir die Arme aus, dreht sie um und bricht sie ab. Ich schreie. Niemand hört mich. Ich bin ein Stück Fleisch. Das fällt. In ein Schwimmbecken. Nein, dies ist kein Schwimmbecken. Das Wasser wird wärmer. Es wird mich verbrennen. Bis ich pinkfarben genug bin. Endlich genießbar.


Verschwitzt zog ich einen Bademantel über und ging in die Küche, um mir eine Tasse warmer Milch mit Honig zu kochen. Ein altes Hausmittel meiner Großmutter, wenn sie ihren Alptraum-Heiligen nicht erreichen kann. Im ganzen Haus war es still, war nur das Köcheln der Milch zu hören, und draußen rauschte und feierte das Meer die Erholung von den Menschen.





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zeichnungen: l.g.x. lillian mousli | code/texte: nika bertram | [credits & thx]

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